DGIM-Kongress 2010: Update zur rheumatoiden Arthritis

Prof. Dr. Ulf Müller-Ladner
Die Pathophysiologie der RA bietet zahlreiche attraktive Zielmoleküle und -mechanismen, die derzeit in die Therapie Eingang finden. Dies ist auch überaus wünschenswert, da keines der derzeitigen Konzepte eine 100-prozentige Remission induzieren kann, betonte Prof. Dr. Ulf Müller-Ladner, Bad Nauheim.
Immer breitere Auswahl für die medikamentöse Therapie
Aktuelle neue Konzepte beinhalten nach seinen Worten sowohl die Verbesserung von bewährten Medikamenten wie dem bei abendlicher Einnahme verzögert nachts freigesetzten Kortikosteroid Prednison MR als auch die Entwicklung von Inhibitoren intrazellulärer Stoffwechselwege, insbesondere der Kinasen. Hierzu gehören vor allem die Janus-Kinase (JAK)-Hemmer, die im Ansprechverhalten durchaus an bewährte DMARDs wie Methotrexat und Leflunomid heranreichen.
Als zweite Stufe der antirheumatisch-entzündlichen Therapie haben sich in den vergangenen Jahren die auf Antikörper- oder Rezeptor-Basis entwickelten Biologika inzwischen fest etabliert. Seitens der TNF-Blocker stehen derzeit fünf verschiedene Präparate zur Verfügung, einschließlich einer kürzlich eingeführten pegylierten Form, so Müller-Ladner. Biologika zur Hemmung weiterer zentraler Zytokine sind z. B. die Interleukin (IL)-1-Rezeptorblocker, von denen Anakinra bei RA nur noch selten eingesetzt wird, während das für CAPS zugelassene Canakinumab derzeit Gegenstand intensiver Untersuchungen in verschiedenen Indikationen ist. Seit inzwischen mehr als einem Jahr steht der auch für die RA-Monotherapie zugelassene IL-6-Rezeptorblocker Tocilizumab zu Verfügung. Zusätzlich sind seit einigen Jahren auch Antikörper gegen zellbasierte Ziele des entzündlichen Geschehens in das therapeutische Armamentarium aufgenommen worden, so etwa der Anti-B-Zell-Antikörper Rituximab und der Kostimulationshemmer Abatacept.
Synoviale Fibroblasten verbreiten Inflammation von Gelenk zu Gelenk
Insgesamt spiegeln sich in den zahlreichen für entzündlich-rheumatische Erkrankungen verfügbaren Therapieoptionen auch die Fortschritte in der Molekularbiologie wider, die kontinuierlich neue Aspekte der Pathophysiologie freigibt, die auch immer die Chance für bessere therapeutische Optionen für die Patienten bietet. Ein gutes Beispiel hierfür leitet sich aus einer aktuellen Studie am SCID-Mausmodell ab (Nat Med 2009; 15(12):1414-1420), an der auch Müller-Ladner federführend beteiligt war.
Am Entzündungsvorgang beteiligte Zellen, die RA-synovialen Fibroblasten (RASF), verlassen den bereits zerstörten Knorpel der zuerst betroffenen Gelenke. Sie treten ins Blut über und migrieren zielgerichtet in gesunde Gelenke, wo sie dann eine neue Entzündungsreaktion in Gang setzen. Auf diese Weise wird ein Gelenk nach dem anderen zerstört, erläuterte Müller-Ladner.
Neue Forschungsergebnisse zur Pathophysiologie der RA
Die genauen Mechanismen der endothelialen Transmigration der RASF und deren gezielte Invasion des entfernt gelegenen, initial nicht betroffenen Gelenks werden derzeit intensiv untersucht. In-vitro konnten die Wissenschaftler inzwischen zeigen, dass die Transmigration der RASF durch Endothelzellen ins Gefäßsystem bereits nach wenigen Stunden erfolgen kann. Neoangiogenese, Transmigration und Invasion scheinen demnach frühe Prozesse der RA zu sein und tragen zur Destruktion entfernt lokalisierten Knorpels bei (Zimmermann B et al., DGIM-Kongress 2010, Abstr. PS 269).
Nach den Ergebnissen einer weiteren auf dem DGIM in Wiesbaden vorgestellten Arbeit des deutschen Wissenschaftlerteams scheinen überdies die extrazelluläre Matrix sowie deren assoziierte Komponenten, z. B. Wachstumsfaktoren, eine entscheidende Rolle bei der Migration, Knorpeladhäsion und Destruktion durch RASF einzunehmen (Lefevre S et al., DGIM-Kongress 2010, Abstr. PS 268).
Die Entdeckung der Fibroblasten als Überträger der RA innerhalb des Körpers birgt, so merkte Müller-Ladner abschließend an, durchaus Hoffnung: Sie verbessert nicht nur das Verständnis des Krankheitsgeschehens, sie liefert auch neue Ansatzpunkte für Medikamente, die das Fortschreiten der Gelenkzerstörung aufhalten könnten.
Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Wiesbaden, 12. April 2010

