Versorgungsforschung in der Osteologie: Neue Erkenntnisse zu proximalen Hüftfrakturen
Für ältere Menschen und insbesondere solche mit Osteoporose stellen proximale Femurfrakturen ein erhebliches Risiko dar. Mit spezifischen Antiosteoporotika wurde in den Zulassungsstudien eine Risikoreduktion für Hüftfrakturen um mindestens 40 % nachgewiesen. Einen Überblick zur Entwicklung in Deutschland in der „real world“ lieferten Dipl.-Med. Alexander Defèr, Dresden, und Kollegen aus Darmstadt und Jena anhand von Länder- und Bundesstatistiken.Demnach weist die Bundesstatistik für das Jahr 2000 für die über 49-jährigen Einwohner der 16 Bundesländer Deutschlands einen Höchstwert der Hüftfraktur-Inzidenz von 432 pro 100.000 Einwohner für Hamburg und als niedrigsten Landeswert eine Inzidenz von 296 proximalen Hüftfrakturen für Sachsen-Anhalt aus, der Bundesdurchschnitt lag bei 348 proximalen Hüftfrakturen/100.000 Einwohner. Allein die Differenz von der niedrigsten zur höchsten Hüftfraktur-Inzidenz zwischen den Bundesländern ergibt für das Jahr 2000 einen Unterschied von rund 45 %, was ungefähr der Differenz zwischen Placebo und Verum in den Zulassungsstudien entspricht. Um auszuschließen, dass es sich bei diesen Differenzen im Jahr 2000 um einen Zufallsbefund handelte, erfolgte die gleiche Analyse bei den über 49 Jahre alten Einwohnern über die nächsten verfügbaren sieben Jahre bis 2007.
Aktuelle Situation in Deutschland
Im Ergebnis sind die Unterschiede in der Fraktur-Inzidenz zwischen den Ländern weiter zu beobachten. Es dominieren mit den höchsten Inzidenzen die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen, gefolgt vom Flächenstaat Schleswig-Holstein. Die niedrigsten Inzidenzen werden aus den Flächenländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern über alle acht Jahre berichtet.
Zwischen den Jahren 2000 und 2003 wurde im Mittel ein stetiger Anstieg von 348 auf 383 Hüftfrakturen pro 100.000 Einwohner um ca. 10 % dokumentiert. Danach fällt die Hüftfraktur-Inzidenz bis 2007 wieder auf 343 Frakturen/100.000 Einwohner, also in etwa auf den Ausgangswert vom Jahre 2000. Bemerkenswert ist, dass Thüringen, Hessen, Brandenburg, Schleswig-Holstein und zum Teil auch Bayern diesem Trend im Verlauf nicht folgen, sondern einen durchgehenden und vor allem in Thüringen sehr deutlichen Anstieg der Hüftfraktur-Inzidenzen von 2000 bis 2007 zeigen.
Bei der Ursachenforschung zu diesen Unterschieden gilt es zum einen die hohe Bevölkerungsdichte von ca. 3.000 Einwohnern/km2 in den drei Stadtstaaten im Vergleich zu der mit 88 Einwohnern/km2 z. B. in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu bedenken. Die relativ höhere Gefährdung hinsichtlich der Wohn- und Verkehrsstrukturen in den Stadtstaaten im Vergleich zu den Flächenstaaten ist ebenso zu beachten wie der unterschiedliche Zugang zu ärztlicher Hilfe und zu orthopädisch-chirurgischen Einrichtungen für die Erfassung und Behandlung von Hüftfrakturen. Die enorme Differenz zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kann hierdurch aber nicht erklärt werden.
Erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern
Unterschiede zwischen den Ländern wurden auch in der Häufigkeit des Einsatzes von Antiosteoporotika verzeichnet, die aber nicht erklären, warum in einigen Ländern die Inzidenz der Hüftfrakturen deutlich und kontinuierlich steigt, in anderen dagegen in den beobachteten acht Jahren rückläufig war. Ob diese Unterschiede in der Inzidenz auch für andere Frakturen, vor allem für die Osteoporose-assoziierten Wirbelfrakturen, für die subkapitalen Oberarmfrakturen und für die häufigen Unterarmfrakturen gelten, ist nur über entsprechende neue Registerstrukturen zu klären.
Ausblick
Genauere Erkenntnisse zu diesen und anderen Fragestellungen sind von dem deutschlandweiten Osteoporose-Register des DVO zu erwarten, an dem sich möglichst viele Osteologen in den Bundesländern beteiligen sollten.
Quelle: Kongress „Osteologie 2010“, Berlin, 5. März 2010

