Der Rheumatologe aus europäischer Sicht: Wie Deutschland und Europa zusammenwachsen


Rheumatologie in Deutschland und Europa
In der überwiegenden Mehrzahl der europäischen Staaten gab es demgegenüber den Facharzt für Rheumatologie, der sich der Versorgung eines breiten Spektrums rheumatischer Erkrankungen und Syndrome annahm. Rheumatologen im Ausland waren dort nach einer Phase der internistischen, wir würden sagen allgemein-internistischen Basis-Weiterbildung die Spezialisten für die entzündlich-rheumatischen Gelenk- und Systemerkrankungen, also die Arthritiden, Spondyloarthritiden, Kollagenosen und Vaskulitiden.
Die Orthopädie wird im europäischen Ausland generall als „orthopedic surgery“ verstanden und ist oft rein operativ ausgerichtet. Demgegenüber sind konservativ orthopädische Leistungen verschieden organisiert, teilweise in Händen von „general practitioner“, Chirotherapeut, Facharzt für Physikalische Medizin – oder auch zusätzliche Aufgabe des Rheumatologen.
European Board for Rheumatology der UEMS
Ausgehend von dieser „europäischen Vielfalt“ hat sich das Boards for Rheumatology des europäischen Facharztverbandes UEMS (Union Européenne des Medicines specialisée) in den vergangenen Jahren ausführlich mit dem Berufsbild des Rheumatologen in Europa beschäftigt. Die offiziellen Empfehlungen zur Weiterbildung zum Facharzt für Rheumatologie, die die UEMS in den vergangenen Jahren erarbeitet hat, sind inzwischen von fast allen europäischen Mitgliedsländern durch ihre Fachgesellschaften ratifiziert worden, darunter auch von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh).
Dieses Framework fasst die der spezialisierten Weiterbildung zugrundeliegenden Rahmenbedingungen zusammen, die das gemeinsame Fundament oder Ziel einer Europäisierung der Facharztweiterbildung formulieren. Davon unberührt bleibt das souveräne Gestaltungsrecht jedes Mitgliedsstaates zur Definition seiner eigenen Weiterbildungsordnung, die im Prinzip auch sehr weitgehend von der europäischen Idee abweichen könnte.
Der Rheumatologe nach europäischem Verständnis
Die Grundzüge des „europäischen Rheumatologen“ fasst Tabelle 1 zusammen. Sie entstammen den „Requirements for the Training of Medical Specialists in the Specialty of Rheumatology in the EU“ und dem „European Rheumatology Curriculum Framework“, die im Wortlaut auf der Homepage der Sektion Rheumatologie der UEMS nachzulesen sind (www.uems-rheumatology-net). Schon diese Übersicht deutet an, dass in Europa ein gemeinsamer Wille erkennbar ist, die Rheumatologie als ein aus der allgemeinen Inneren Medizin abgeleitetes Spezialfach zu verstehen. Hier spiegelt sich eine aktuelle Versorgungswirklichkeit wider, die europaweit den Rheumatologen als den Spezialisten für die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen versteht. Inhalte der Weiterbildung sind die Diagnostik, pharmakologische Behandlung, Injektions- und Infiltrationstherapie, Physikalische Medizin und sozialmedizinische Betreuung. Abweichend von unserem Verständnis einer fachbezogenen rein klinischen Weiterbildung ist es in vielen Ländern selbstverständlich, dem angehenden Spezialisten während seiner Weiterbildung auch wissenschaftliches Arbeiten und „über den Tellerrand hinaus schauen“ zu ermöglichen. Dies stärkt die langfristige Beurteilungskraft und Kritikfähigkeit gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen und Innovationen.
Desweiteren finden sich interessante, für Deutsche ungewöhnliche Weiterbildungsinhalte: Neben den Fachkenntnissen soll der Facharzt seine Fähigkeiten als „Communicator“ und „Collaborateur“ schulen, indem in der Kommunikation mit Betroffenen geübt und in der Zusammenarbeit mit Kollegen und Assistenzberufen trainiert wird. Auch die Rolle als „Manager und Medical Leader“ eines Teams z. B. in der Praxis und als gesundsmedizinischer Gesprächspartner („Health Advocat“) sollen fester Bestandteil der Weiterbildung sein. Schließlich zählen die eigenen Fähigkeiten in der Lehre und Wissensweitergabe an Kollegen, Assistenzberufe und Patientengruppen ebenso zu diesen Weiterbildungsinhalten wie auch die Verpflichtung zu ethischen Verhaltensweisen und Übernahme sozialer Veranwortung der eigenen beruflichen Tätigkeit.
Über die Inhalte der Weiterbildung hinaus schildern die angesprochenen Dokumente ausführlicher als in Deutschland üblich die Anforderungen an Trainings-Center und Weiterbilder, führen bereits die Verpflichtung zu Log-Büchern und Lehrplänen auf und fordern eine umfassende kontinuierliche Betreuung der Weiterbildungskandidaten durch Mentoren.
Deutscher und europäischer Rheumatologe im Vergleich
Vergleicht man unsere aktuelle Weiterbildungssituation mit den europäischen Zielvorgaben, zeigen sich viele Übereinstimmungen, aber auch Besonderheiten: Die Weiterbildungszeiten und fachlichen Inhalte für den Rheumatologen europäischer Prägung und den deutschen Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie sind kompatibel. Die bei uns vorgegebenen drei Jahre Common Trunk in allgemeiner Innerer Medizin plus drei Jahre Rheumatologie entsprechen den europäischen Vorstellungen einer sechsjährigen Gesamtweiterbildungszeit, einer mindestens zweijährigen Common Trunk-Zeit und einer mindestens dreijährigen Rheumatologischen Weiterbildungszeit. Allerdings können Zeiten für Weiterbildung in der Rheumatologie nahen Gebieten oder in der Forschung in Deutschland nicht der Weiterbildungszeit angerechnet werden.
Orthopädische und Kinder-Rheumatologie
Die orthopädische und die pädiatrische Rheumatologie sind bisher nicht angesprochen worden. Dies beruht auf einer wesentlich komplizierteren Zuordnung dieser Bereiche in die europäischen Gremien. Die „UEMS Specialist Section of Orthopaedics and Traumatology“ umfasst hier formal auch die Inhalte der Rheumaorthopädie. Allerdings finden sich hier keine der deutschen Zusatzweiterbildung für Orthopädische Rheumatologie vergleichbaren Curricula. Auch für die Kinder-Rheumatologie bestehen keine direkt übertragbaren Fachaktivitäten. Beide Zusatzweiterbildungen werden aber sicher ihre Interessen auch auf europäischer Ebene harmonisieren.
Ausblick:
Die Rheumatologie in Europa wächst zusammen. Denn aufgrund der analogen Weiterbildungsstruktur werden deutsche Fachärzte für Innere Medizin und Rheumatologie im europäischen Ausland ihren Beruf als Fachärzte für Rheumatologie ausüben dürfen. Umgekehrt können entsprechend qualifizierte Rheumatologen in Deutschland akkreditiert und berufstätig werden. Auch wenn die Facharzturkunde eines Landes noch nicht für die freie Niederlassung ausreicht, sondern eine behördliche Einzelfallprüfung notwendig ist, hat sich die Situation eines freieren Austausches von Rheumatologen zwischen den Mitgliedsländern der EU wesentlich verbessert. Zukünftig werden Angebot und Nachfrage die Berufsausübung europaweit regeln und in Deutschland nachwachsende Rheumatologen werden im europäischen Ausland arbeiten. Umgekehrt können bei weiterbestehendem Rheumatologen-Mangel in Deutschland im Ausland weitergebildete Kollegen tätig werden, sei es im Klinikbereich oder in rheumatologischen Praxen.
Prof. Dr. med. Jürgen Wollenhaupt
Chefarzt der Klinik für Rheumatologie
und klinische Immunologie
Schön-Klinik Hamburg-Eilbek
Dehnhaide 120, 22081 Hamburg
wollenhaupt@rheumatologikum.de

