Die wundersame Wandlung des Jens Spahn

Dr. med. Erich Schröder - Arzt und Journalist

Dr. med. Erich Schröder - Arzt und Journalist

Die Corona-Krise ist für Jens Spahn eine große Chance, zugleich aber auch ein erhebliches Risiko. Bisher überwiegt bei weitem die Chance. Aus dem Schlagzeilenjäger um jeden Preis wurde überraschend ein umsichtiger und moderater Krisenmanager. Jens Spahn hat seine Chance genutzt, sich in kürzester Zeit als gefragter und kompetenter Ansprechpartner innerhalb der Bundesregierung zu profilieren. Das Risiko liegt im weiteren Verlauf der Krise, sie könnte sein Ansehen nachträglich auch schwer beschädigen. Aber auch Kanzlerin und Kollegen wollen den rasanten Aufsteiger bremsen.

In seiner bisherigen Laufbahn als Bundesgesundheitsminister ist Jens Spahn nicht unbedingt durch besondere Kompetenz aufgefallen, sondern vielmehr eher durch vorschnelle und schlagzeilenträchtige Blitzaktionen. Unvergessen ist sein Versuch, die Fettabsaugung gegen den Rat von Experten als Kassenleistung durchzusetzen und auch sein anschließender Versuch, auf dem Weg eines Rucksackgesetzes den G-BA zugunsten seiner eigenen Entscheidungskompetenz zu entmachten. Fragwürdig auch seine spektakulären und unsensiblen Vorstöße bei den schwierigen Themen Organspende und Sterbehilfe, die beide letztlich vom Deutschen Bundestag bzw. Bundesverfassungsgericht korrigiert werden mussten.

In der Krise zeigt Jens Spahn nun, dass er auch anders kann. Er ist in Gesundheitsfragen der kompetente Entscheider, bezieht seine Kompetenz aber nun stets aus der ständigen Begleitung durch Top-Experten für Viruserkrankungen. Keine Pressekonferenz des Bundesgesundheitsministers ohne dass ein Experte z. B. des Robert-Koch-Instituts mit am Tisch sitzt. So schafft er Vertrauen, und seine (für die Bevölkerung meist unangenehmen) Empfehlungen erscheinen moderat und gut begründet. 

Auch das Durcheinander im Föderalismus hat er erstaunlich schnell in den Griff bekommen. Mit Unterstützung durch die Bundeskanzlerin ist es ihm inzwischen gelungen, das Vorgehen gegen die Krise innerhalb der Bundesländer zumindest weitgehend zu synchronisieren.

Hier hat sich gerade jemand als Politiker der ersten Linie qualifiziert, und viele denken dann auch gleich an mögliche höhere Aufgaben. Immerhin steht immer noch seine Bewerbung als Kanzlerkandidat im Raum. Gegenüber seinen Mitbewerbern hat er zumindest zurzeit den großen Vorteil einer täglichen Präsenz in den Medien. Dagegen hat nun insbesondere einer den Fehdehandschuh ergriffen: Markus Söder, Regierungschef in Bayern und entgegen seinen bisherigen Beteuerungen auch aktiv im Rennen um das Kanzleramt. Söder ist es gelungen, sich und Bayern – nach dem Vorbild von Helmut Schmidt bei der Sturmflut in Hamburg – als entschlossener Vorreiter im aktiven Corona-Krisenmanagement zu profilieren und damit die Medienhoheit zumindest zeitweise zurückzuerobern. Das rief umgehend Armin Laschet, Regierungschef in Nordrhein-Westfalen und ebenfalls Kanzlerkandidat, auf den Plan, der sich mit einem moderateren und schonenderen Krisenkonzept ausdrücklich gegen Söder in Stellung brachte. Friedrich Merz, bisheriger Spitzenkandidat in Umfragen und nun selbst Corona-infiziert, hat gerade das Nachsehen. 

Und auch die Kanzlerin greift ein und hat erstmals außerhalb der Festtage eine dramatische Fernsehansprache an ihr Volk gerichtet. Offenbar neben der ehrlichen Sorge um die Krise auch im Bemühen, neben dem Werbetrommeln der Männer ihre eigene Führungskompetenz im öffentlichen Blickfeld zu halten.

Wie es weitergeht wird vermutlich der weitere Verlauf der Krise entscheiden. Sollte diese zu lange andauern und schwere bis schwerste Schäden in der Wirtschaft und im Leben der Bevölkerung anrichten, dann kann die Stimmung im Land und auch gegenüber der Position des zuständigen Gesundheitsministers schnell drastisch umschlagen. Der Weg vom Helden bis zum Prügelknaben kann auch sehr kurz sein. Es wäre nicht nur Jens Spahn sondern uns allen zu wünschen, dass es dazu nicht kommt.