Digitalisierung in der Medizin

Neues Gesetz zur Digitalen Versorgung und Auswirkungen auf die Rheumatologie

Dr. med. Martin Welcker

Dr. med. Martin Welcker

Am 15. Mai 2019 hat Gesundheitsminister Jens Spahn einen weiteren Gesetzentwurf zur Digitalisierung der Versorgung vorgelegt, das sogenannte „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale Versorgung-Gesetz – kurz: DVG)“. Das Gesetz zielt darauf ab, bestehende gesundheitssystembezogene Herausforderungen, wie die gesundheitliche Versorgung in strukturschwachen Regionen oder die steigende Zahl chronischer Kranker, mittels digitaler Innovationen zu meistern und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Um dies im Versorgungsalltag zu erreichen, wurden gleich mehrere Themenfelder angegangen.

Vernetzung der Fachkräfte

Niedergelassene Ärzte sollen stärker als bisher an der Telematik-Infrastruktur teilnehmen. Dies soll mittels einer Kürzung der Honorare der gesetzlichen Krankenversicherung für Verweigerer realisiert werden. Ab Juli dieses Jahres drohen Kürzungen um 1 %, ab März 2020 um 2,5 %. Fachkräfte anderer Disziplinen sollen Zugang zur Telematik-Infrastruktur und somit zur elektronischen Vernetzung untereinander erhalten. So können Hebammen und Entbindungspfleger, Physiotherapeuten sowie Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen zukünftig die Kosten für eine freiwillige Anbindung erstattet bekommen. Ergänzend ist die Anbindung an das Gesundheitsdatennetz für Apotheken und Krankenhäuser ab 2020 bzw. 2021 verpflichtend.

Elektronische Patientenakte

Die verpflichtende Einführung einer elektronischen Patientenakte (ePA) wurde bereits im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) festgelegt. Sie soll spätestens ab 1.1.2021 für alle Versicherten verfügbar sein – auch per Smartphone.

Damit die elektronische Patientenakte auch mit derzeit nicht abschließend definierten Inhalten befüllt wird, sollen die Ärzte dazu verpflichtet werden, Versicherte beim Anlegen und Verwalten ihrer ePA zu unterstützen. Das Anlegen und Verwalten soll entsprechend (ausreichend?) vergütet werden. Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV-VV) hat sich hierzu bereits kritisch geäußert. Ärzte könnten nicht Sekretariatsaufgaben für Patienten übernehmen. Sinnvoll ist aus Sicht der KBV-VV jedoch eine einfache Datenübernahme aus dem Praxissoftwaresystem in die ePA auf Knopfdruck. Zudem sollen weitere Befunde, wie beispielweise Röntgenbilder und der Impfausweis hinterlegt werden können. Derartige Schnittstellen zwischen den verschiedenen IT-Systemen im Gesundheitswesen sind längst überfällig und wurden bis dato vor allem von den Softwareanbietern boykottiert. Wenn das DVG hier Abhilfe schaffen könnte, wäre ein wichtiger Schritt zur Entbürokratisierung getan.

Digitale Gesundheitsanwendungen

Ein weiterer Bereich des neuen Gesetzes ist die Verordnungsfähigkeit von sogenannten Gesundheits-Apps. Diese sollen zukünftig vom Arzt verschrieben werden können. Eine Auswahl verschreibungsfähiger Apps anhand bestimmter Aspekte wie Datenschutz, Transparenz und Nutzerfreundlichkeit, soll durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ohne Einbeziehung des Gemeinsamen Bundesausschusses getroffen werden. Es ist bezeichnend, dass der Gesetzgeber die Gemeinsame Selbstverwaltung hier ausschließt. Die Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ist vorerst auf ein Jahr begrenzt, in diesem Zeitraum muss zudem eine Evaluation der gesundheitlichen Effekte nachgewiesen werden.

Telemedizin

Auch für die Telemedizin wurden bereits die ersten Grundsteine gelegt. So wurden in fast allen Ärztekammern die berufsrechtlichen Voraussetzungen für eine Videosprechstunde geschaffen. Dies soll zukünftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt möglich sein, indem die Aufklärung durch den Arzt und die Patienteneinwilligung innerhalb des Videokontakts möglich ist. Zudem sollen Telekonsile künftig den Austausch zwischen Behandlern erleichtern. Die Vergütung hierfür soll extrabudgetär erfolgen, steht aber aus aktueller Sicht in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Elektronische Kommunikationswege

Im Bereich der elektronischen Kommunikation sieht das Gesetz vor, neben der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und dem E-Rezept zukünftig auch Heil- und Hilfsmittelverordnungen elektronisch zu übermitteln. Darüber hinaus soll der Versand des elektronischen Arztbriefes attraktiver werden, indem weniger Geld für den Versand per Fax gezahlt wird. Leider springt das Gesetz hier zu kurz, denn bei eAU und E-Rezept sind weiterhin parallel Papierversionen vorgesehen.

Auch wenn dies nur erste Schritte in Richtung Digitalisierung sind, sind einige davon längst gewünscht und notwendig. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem letzten Jahr hat den Stand der Digitalisierung im Gesundheitssystem untersucht. Von 17 Ländern kam Deutschland nur auf den vorletzten Platz, mit 30 von 100 möglichen Punkten im Digital-Health-Index. Dabei wurde auch festgestellt, dass es zwar mitunter erfolgreiche regionale Pilotprojekte gibt, beispielsweise das Telemonitoring von Menschen mit Herzerkrankungen, diese aber nicht deutschlandweit und für alle Patienten nutzbar sind. Auf der anderen Seite verwenden bereits viele Menschen digitale Gesundheitsangebote, insbesondere Gesundheits-Apps. Zwei Drittel der Smartphone-Benutzer haben laut der Studie „Digital Health“ Gesundheits-Apps auf ihrem Smartphone installiert und bewerten diese positiv. Insgesamt 44 % geben an, durch die App besser über ihren Gesundheitszustand informiert zu sein. Zudem kann eine Steigerung der täglichen Bewegung via Mobility-Apps von 46 % der Nutzer zumindest kurzfristig verzeichnet werden.

Zukünftig sind externe Auswertungen der Wirksamkeit nach standardisierten Bewertungskriterien im Sinne der medizinischen Evaluation essenziell. Dabei ist z. B. zu klären, inwiefern die App-Nutzung eine engere Verlaufskontrolle mit verbesserter Patientenbetreuung ermöglicht oder dies zu einer Zeitersparnis der Ärzte und Medizinischen Fachangestellten führt, worauf eigene Erfahrungen und Einschätzungen hindeuten. Zu klären bleibt zudem, wie eine (extrabudgetäre) Vergütung realisierbar ist. Auch das heißdiskutierte Thema Datenschutz wird bei der Einführung insbesondere der elektronischen Patientenakte zu berücksichtigen sein. In der bereits erwähnten „Digital Health“-Studie gaben 61 % der Befragten an, dass die Datenhoheit der elektronischen Patientenakte bei den Patienten liegen soll. Zudem waren für 59 % der Befragten der Datenschutz und die Datensicherheit ein wichtiges Anliegen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf die Patientenbetreuung in der Rheumatologie

Auch für die Rheumatologie ist die Einführung digitaler Gesundheitsanwendungen ein willkommener Schritt. Die bestehende Unterversorgung, die auch die neue Bedarfsplanungsrichtlinie nicht beheben wird, stellt die Behandlung und Betreuung von Patienten seit Jahren vor große Herausforderungen. Vor allem bei einer verzögerten Erstvorstellung kann dies weitreichende Folgen für den weiteren Behandlungsverlauf haben. Sollte durch das Nutzen von Gesundheits-Apps, Telemedizin oder dem Einsatz von intelligenten Triage-Systemen eine schnellere und engmaschigere Betreuung möglich sein, wäre dies sehr zum Nutzen der Patienten und der sie betreuenden Ärzte.

In der Rheumatologie stehen bereits einige Gesundheits-Apps zur Verfügung. RheumaTrak©, Rheuma/PsO/AxSpa-Live© und MediOne© können u. a. in der Verlaufskontrolle eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Auch die Bidirektionalität als weitere Erleichterung der sicheren Kommunikation ist teilweise schon realisiert. Die App-basierte Dokumentation stellt bereits jetzt eine deutliche Zeitersparnis dar, wenn hierdurch bei Medizinischen Fachangestellten und Ärzten Kapazitäten durch weniger Dokumentationsaufwand in der Praxis freigesetzt werden. Zudem gibt es allgemeine Apps, wie beispielsweise „Ada“, die den Patienten bei der Einschätzung seiner Erkrankung unterstützen. In Form eines Fragealgorithmus ermittelt die App die vier wahrscheinlichsten Diagnosen und kann somit Diagnosevorschläge erarbeiten. Allerdings muss dem aktuellen Hype um die Apps dringend eine medizinische Evaluation derselben folgen. Von besonderem Interesse ist aus meiner Sicht der bereits auf dem DGRh- und BDRh-Kongress vorgestellte Algorithmus von RhePort: Hier können Patienten mit einem Internet-basierten Fragebogen nach individuellem Scoring Termine bei einem Rheumatologen vereinbaren. Dies eröffnet bereits jetzt die Möglichkeit der raschen, krankheitsassoziierten Terminvermittlung ohne Einbindung großer Personalstrukturen.

Die Digitalisierung ist faktisch und juristisch längst in der Medizin angekommen. Es ist essenziell, dass wir Ärzte uns mit diesem Thema nicht nur auseinandersetzen, sondern es aktiv mit gestalten.                             

Dr. med. Martin Welcker
MVZ für Rheumatologie
Rheumatologie im Würmtal, Bahnhofstr. 32, 82152 Planegg
Rheumatologie in Starnberg, Oßwaldstr. 1, 82319 Starnberg