ENTZÜNDLICHE ARTHRITIS UND ARTHROSE

EULAR-Empfehlungen 2018 zu körperlicher Aktivität vorgestellt

Regelmäßige körperliche Aktivität wird in zunehmendem Maße auch für Patienten mit rheumatischen und muskuloskelettalen Erkrankungen angeraten – die Evidenz zusätzlich zu Pharmakotherapien ist unbestritten. Auf Basis der Empfehlungen zu körperlicher Bewegung bei Gesunden durch US-amerikanische Fachgesellschaften (ACSM/AHA) evaluierte eine EULAR Task Force um Anne-Kathrin Rausch Osthoff, Zürich (Schweiz), deren potenziellen Nutzen bei Patienten mit entzündlicher Arthritis (i. E. rheumatoide Arthritis, RA, und Spondyloarthritis, SpA) und Arthrose (der Knie oder der Hüfte), mit dem Ziel, Evidenz-basierte Empfehlungen für die klinische Praxis auszusprechen. Die in Gänze lesenswerte Arbeit wurde vor Kurzem publiziert.

Unter Anwendung der EULAR SOPs aus 2014 entwickelte die Task Force aus 16 Ländern (Rheumatologen, andere Ärzte/Experten und Patientenvertreter) nach Durchführung eines systematischen Literatur-Reviews und mehreren Meetings einen praxisnahen Leitfaden mit vier übergreifenden Prinzipien und zehn Empfehlungen für Interventionen zur körperlichen Aktivität bei Arthritis- und Arthrose-Patienten mit durchweg hohem Empfehlungsgrad. 

In Anbetracht der klaren Evidenz für ihre Effektivität, Durchführbarkeit und Sicherheit werden Maßnahmen zur körperlichen Aktivität als integraler Bestandteil der Patientenversorgung erachtet. Angesichts der auch hierzulande bislang nur spärlichen Verordnung von z. B. Physiotherapie, Funktionstraining und anderer, erwiesenermaßen sinnvoller Interventionen, bleibt zu hoffen, dass die Empfehlungen das bereits eingesetzte Umdenken beflügeln und – wie von der EULAR Task Force gefordert – in die Standardversorgung von Patienten mit RA, SpA, Knie- und Hüftarthrose implementiert werden.
 

4 übergreifende Prinzipien und 10 Empfehlungen

Die vier übergreifenden Prinzipien besagen: (1) Körperliche Aktivität ist ein Teil des generellen Konzepts zur Optimierung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. (2) Für Patienten mit RA, SpA, Hüft- und Kniearthrose hat körperliche Aktivität gesundheitliche Vorteile. (3) Die generellen Empfehlungen (von ACSM und AHA) zur körperlichen Aktivität, einschließlich der vier Domänen kardiorespiratorische Fitness, Muskelstärke, Beweglichkeit und neuromotorische Leistung sind auch anwendbar, d. h. durchführbar und sicher bei Patienten mit RA, SpA und Arthrose. (4) Die Planung körperlicher Aktivität erfordert eine gemeinsame Entscheidung von Arzt/Gesundheitsexperten und den Patienten mit RA, SpA und Arthrose, die deren Präferenzen, Möglichkeiten und Ressourcen mit berücksichtigt.

Nun zu den 10 spezifischen Empfehlungen: (1) Die Anregung zu körperlicher Aktivität sollte konsistent mit den generellen Empfehlungen für Gesunde ein integraler Bestandteil der Standardversorgung im gesamten Erkrankungsverlauf von Patienten mit RA, SpA, Hüft- und Kniearthrose sein. (2) Alle in die Versorgung von RA-, SpA- und Arthrose-Patienten involvierten Ärzte/Fachkräfte sollten Verantwortung übernehmen, zu körperlicher Aktivität zu ermutigen und zu kooperieren, einschließlich erforderlicher Überweisungen, um sicherzustellen, dass die Patienten angemessene Interventionen zu körperlicher Aktivität erhalten. (3) Interventionen dieser Art sollten angeboten werden von Ärzten/Fachkräften mit entsprechender Kompetenz für Patienten mit RA, SpA und Arthrose. (4) Ärzte sollten den Typ, die Intensität, Frequenz und Dauer aktueller körperlicher Aktivität der Patienten durch Anwendung standardisierter Methoden evaluieren, um zu identifizieren, welche der vier Domänen (kardiorespiratorisches „aerobes“ Training, Muskeltraining in Form von Widerstandsübungen, Beweglichkeitstraining und neuromotorisches Training für bessere Koordination) der generellen Empfehlungen zu körperlicher Aktivität bei Gesunden ein Ziel der Verbesserung sein sollten. 

(5) Generelle und Krankheits-spezifische Kontraindikationen für körperliche Aktivität sollten identifiziert und beim Anbieten solcher Maßnahmen berücksichtigt werden. (6) Interventionen zu körperlicher Aktivität sollten klare personalisierte Ziele haben, die im zeitlichen Verlauf evaluiert werden sollten, vorzugsweise durch die Kombination subjektiver und objektiver Messparameter (einschließlich Selbstüberwachung, wenn angemessen). (7) Generelle und Krankheits-spezifische Barrieren und unterstützende Faktoren in Bezug auf das Durchführen körperlicher Aktivitäten, einschließlich Kenntnissen, sozialer Unterstützung, Symptomkontrolle und Selbstregulierung, sollten identifiziert und adressiert werden. (8) Wo individuelle Anpassungen an die generellen Empfehlungen zur körperlichen Aktivität erforderlich sind, sollten diese auf einer umfassenden Erhebung körperlicher, sozialer und psychologischer Faktoren einschließlich Fatigue, Schmerz, Depression und Krankheitsaktivität basieren. (9) Ärzte/Fachkräfte sollten Interventionen zu körperlicher Aktivität planen und anbieten, die Techniken zu Verhaltensänderungen wie Selbstüberwachung, das Stecken von Zielen, das Planen von Aktionen, Feedback und Problemlösungen, einschließen. (10) Ärzte/Fachkräfte sollten in Übereinstimmung mit den jeweiligen Präferenzen der Patienten verschiedene Arten der Durchführung körperlicher Aktivitäten (z. B. überwacht vs. nicht-überwacht, individuell vs. in einer Gruppe, von Angesicht-zu-Angesicht vs. Online-Übungen, mit Booster-Strategien etc.) in Erwägung ziehen.

Quelle: Ann Rheum Dis 2018; 77(9): 1251–1260

 

Das American College of Sports Medicine (ACSM) und die American Heart Association (AHA) empfehlen Gesunden körperliche Aktivität in einer mittleren Intensität von 150 Minuten pro Woche bzw. als intensives Herz-Kreislauf-Training von 75 Minuten 2- bis 3-mal pro Woche, oder als Kombination von beidem, sowie ein Training von Muskelkraft, Beweglichkeit und Neuromotorik 2- bis 3-mal pro Woche sowie der Ausdauer 2-mal pro Woche.

Kompakt:Jenseits der medikamentösen Therapie haben Physiotherapie und Funktionstraining bis dato einen zu geringen Stellenwert in der Rheumatologie – auch der Knappheit an Ressourcen (zu wenige Rheumatologen, oft auch zu wenige qualifizierte Anbieter) und Erstattungsproblemen geschuldet. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die EULAR-Empfehlungen hier – die Evidenz ist eindeutig – zu einem noch stärkeren Umdenken führen. Schon aufgrund der in der Publikation enthaltenen generellen Empfehlungen (für Gesunde), die womöglich auch nicht jedem Rheumatologen geläufig sind, lohnt sich ein vertiefender Blick in die Vollpublikation.