BILDGEBENDE DIAGNOSTIK

Zufallsbefund Enchondrom

RÖNTGEN: Abb. 1a Hände beidseits dv und Abb. 1b seitlich: plumpe Auftreibung und Verformung distales Ende Os metacarpale D2 links mit inhomogener Knochenstruktur

RÖNTGEN: Abb. 1a Hände beidseits dv und Abb. 1b seitlich: plumpe Auftreibung und Verformung distales Ende Os metacarpale D2 links mit inhomogener Knochenstruktur

ANAMNESE: Eine 55-jährige Patientin stellt sich zur rheumatologischen Abklärung vor. Bereits seit der Jugendzeit klagt sie über Schmerzen in den Kniegelenken (hier wohl anatomische Besonderheit – „Patella passt nicht zum Patellagleitlager“). In den vergangenen drei Jahren zunehmende Schmerzen in den Hand- und Fingergelenken, insbesondere den Fingerendgelenken. Gelenkschwellungen wurden bislang nicht beobachtet. Kälteexposition würde die Beschwerden verschlimmern. Morgensteifigkeit 30 Minuten. Sporadisch wurde von der Patientin Ibuprofen bei Schmerzen eingenommen. Keine rheumatischen Erkrankungen in der Familie.

KLINISCHER BEFUND: 165 cm, 90 kg. Gelenkstatus: Knötchenförmige Auftreibungen an einzelnen Fingerendgelenken, insbesondere D2 beidseits. Keine sicheren peripheren synovitischen Schwellungen. Faustschluss beidseits möglich. Positives Zohlen-Zeichen im Bereich des rechten Kniegelenks. Kein tastbarer Kniegelenkserguss. 

LABOR: CRP 3,5 mg/l (Norm bis 5 mg/l), RF neg., ccP Ak neg., ANA neg.

RÖNTGEN: Abb. 1a Hände beidseits dv und Abb. 1bseitlich: plumpe Auftreibung und Verformung distales Ende Os metacarpale D2 links mit inhomogener Knochenstruktur

DIAGNOSE: Enchondrom, Heberdenarthrose (klinisch)

BEMERKUNGEN: Bei einem Enchondrom handelt es sich um einen knorpeligen Tumor, der vor allem in den Diaphysen der Phalangen oder Metaphysen der langen Röhrenknochen auftritt. Enchondrome finden sich in etwa 60 % der Fälle in den langen Röhrenknochen der Finger, seltener im Bereich des Fußskeletts, des Femurs, des Humerus oder in den Beckenknochen. Die Lokalisation gibt einen Hinweis auf die Möglichkeit der malignen Entartung. Stammnahe Enchondrome (insbesondere des Beckens) besitzen eine höhere Entartungswahrscheinlichkeit. Das Enchondrom ist der zweithäufigste gutartige Knochentumor. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Ätiopathogenetisch geht man davon aus, dass Reste der Epiphysenfugen in den Metaphysen zum Enchondrom führen. Während die in den Metaphysen der langen Röhrenknochen zu findenden Enchondrome häufig keinerlei Symptome verursachen, können die Enchondrome in den Phalangen zu Schmerzen führen. Pathologische Frakturen sind möglich. 

Meist handelt es sich bei Enchondromen um radiologische Zufallsbefunde. Ein Röntgenbild führt zur Diagnose. Um andere Tumoren auszuschließen, kann noch ein CT durchgeführt werden. Radiologisch zeigen sich Enchondrome meist als zentral gelegene, scharf begrenzte, zystenähnliche Strukturen bzw. als Aufhellungen ohne Randsklerose, welche die Kortikalis von innen her ausdünnen und auftreiben. Häufig findet man „Popcorn-artige“-Verkalkungen. Sie nehmen mit der Größe und dem Alter der Enchondrome zu. Im MRT stellen sich Enchondrome auf T2-gewichteten Bildern als helle Zonen dar, in denen sich Verkalkungsareale darstellen. Die Szintigrafie zeigt eine Nuklidspeicherung in den Läsionen, deren Ausmaß jedoch niedriger ist als bei malignen Knochentumoren. Differenzialdiagnostisch sollte an ein Chondrosarkom, an Riesenzelltumoren der Hand sowie an die fibröse Dysplasie gedacht werden. Eine Entartung ist möglich, tritt in der Regel aber nur selten auf. Ein erhöhtes Risiko besteht bei der multiplen Chondromatose. 

THERAPIE: Wenn das Enchondrom Schmerzen oder Frakturen verursacht, kann in seltenen Fällen eine Kürettage mit folgender Auffüllung durch Spongiosa durchgeführt werden. Bei asymptomatischen Enchondromen können radiologische Kontrollen in größeren Zeitabständen durchgeführt werden.

 

Prof. Dr. med. Herbert Kellner
Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, 
Gastroenterologie und Physikalische Medizin
Romanstr. 9, 80639 München